Vom Sumpfgebiet zum Fahrradweg – Unterwegs auf dem Sentiero della Bonifica

Kornkammer der Etrusker. Sumpfgebiet und Heimat zahlloser Stechmücken. Planerische Spielwiese berühmter Universalgelehrter. Wiege des einzig wahren Bistecca alla Fiorentina, dem aus dem Fleisch des Chianina-Rinds. Zauberhaftes Stück Natur entlang eines ehemaligen Entwässerungskanals. Das in der östlichen Toskana gelegene Valdichiana hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich und präsentiert sich heute, entlang des Sentiero della Bonifica, als Paradies für Radfahrer, die – in der ansonsten hügeligen Umgebung – eine Radroute abseits von Autoverkehr und ohne Steigungen schätzen.

„Das Schönste am Sentiero della Bonifica ist die Natur. Besonders hier im Naturschutzgebiet am Lago di Montepulciano“, ist Enzo Caratozzolo überzeugt, der für die Vereinigung TRE BERTE „Amici del Lago di Montepulciano“ im unmittelbar am See gelegenen Informationszentrum arbeitet. Das ist gleichzeitig Raststation für Radler und Wanderer, die auf dem Sentiero della Bonifica unterwegs sind. Einem knapp 70 Kilometer langen Rad- und Wanderweg, der die antike Etruskerstadt Chiusi mit Arezzo verbindet. Abseits vom Autoverkehr, ohne Steigungen, auf Schotter- und Wiesenwegen. Die folgen der ehemaligen Straße, die der Instandhaltung des Canale Maestro samt der dazugehörigen Nebenkanäle und Schleusen diente. Wer hier am Lago di Montepulciano angelangt ist, hat die ersten gut 15 Kilometer bereits hinter sich. Vom Startpunkt am Damm in der Nähe des Bahnhofs von Chiusi ging es los. Vorbei am Lago di Chiusi, der gemeinsam mit dem Lago di Montepulciano ein unter Naturforschern und Vogelbeobachtern geschätztes, bezauberndes Stückchen Natur ist. Der Seidenreiher, der auf einem Totholz im Gewässer am Wegesrand sitzt, lässt sich durch die Radler nicht beeindrucken. Elegant starrt er aufs Wasser und dreht den Radlern den Rücken zu. Alles hier erinnert an die sumpfige Vergangenheit des Valdichiana. Auch wenn die Uferzone am Lago di Montepulciano, zumindest an diesem heißen Augusttag in manchen Bereichen auch an Afrika denken lässt: Schilfgras wächst aus mit Trockenrissen durchzogenem Schlamm.

In ganz fernen Zeiten war hier einmal das Meer, dann verlandete das Gebiete, irgendwann versumpfte es und musste schließlich mühsam, über einen langen Zeitraum hinweg entwässert werden, bis es zu einer der fruchtbarsten Gegenden Italiens wurde, fasst Enzo Caratozzolo mehr als knapp die Geschichte des Valdichiana zusammen. Der Trockenlegung – auf Italienisch la bonifica – verdankt das Chiana-Tal nicht nur den Radweg Sentiero della Bonifica, sondern vor allem seine Umwandlung zu fruchtbarem Acker- und Weideland. Getreide, Tabak und Zuckerrüben wurden hier angebaut. Noch heute führt der Radweg an Birnen- und Apfelplantagen vorbei. Die „Razza Chianina“, die weltweit zu den ältesten und edelsten Rinderrassen zählt ist hier beheimatet und nach dem Valdichiana benannt. Das bei der Geburt rötlich-braune Fell der Jungtiere wandelt sich beim ausgewachsenen Tier zur typischen porzellanweißen Färbung. Heute grasen die kostbaren Rinder nicht mehr auf den Weiden im Valdichiana. Stattdessen wird die geschützte Rasse, meist in Familienbetrieben, in Ställen gehalten.

Die Trockenlegung des ehemals sumpfigen Valdichiana ist mit berühmten Namen verbunden. Im Mittelalter machten sich Leonardo da Vinci oder Galileo Galilei Gedanken darüber, wie das sumpfige, hauptsächlich von Stechmücken besiedelte Tal trockengelegt werden könnte. Die Medici sind für die Erbauung des Canale Maestro verantwortlich. Den damals auch als Schifffahrtsweg genutzten Hauptkanal im Valdichiana. Er kehrte ab Chiusi die Fließrichtung des Chiana-Flusses von Süd nach Nord um, ließ ihn statt Richtung Rom in den Tiber, bei Florenz in den Arno fließen. Mit dem Canale Maestro war zwar eine erste, aber eine bei weitem nicht ausreichende Entwässerung des Valdichiana geschafft. Zahlreiche Sümpfe und Seen waren nach wie vor vorhanden, bis sich im 18. Jahrhundert Großherzog Leopold, der spätere Kaiser Leopold II., der letzte Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der systematischen Trockenlegung des Valdichiana verschrieb. Eine umfangreiche Maßnahme, die erst Ende des 19. Jahrhunderts ihren Abschluss fand und eng mit dem Mathematiker und Ingenieur Vittorio Fossombroni verbunden ist, der der Trockenlegung des Valdichiana, bis er 1844 starb, gut 50 Jahre seines Lebens widmete.

Auch wenn der Canale Maestro längst nicht mehr schiffbar ist und die ehemaligen Schleusen als romantische Ruinen den Sentiero della Bonifica säumen, das Valdichiana verdankt ihm seine Fruchtbarkeit und die Radler eine schöne Strecke von Chiusi nach Arezzo. Teils präsentiert sich das Wasser rechts und links des Radwegs als fast ausgetrocknetes Rinnsal, teils fließt es zwischen kanalisierenden Mauern, teils verbreiterter es sich zu einer ansprechenden Flusslandschaft, die Heimat für verschiedenste Pflanzen ist. Vom Rad aus sind im Vorbeifahren am Wegrand die typischen Landhäuser auszumachen. Die sogenannten Leopoldine – benannt nach dem toskanischen Großherzog – waren meist zweigeschossige Häuser, in dem die Bauern oben und die Kühe unten im Stall wohnten.

Wer den Radweg in den heißen Augusttagen diesen Jahres befährt, in denen in zahlreichen italienischen Städten Hitzenotstand ausgerufen wurde, wünscht sich schnell, er hätte sich an die Empfehlung gehalten, den Sentiero della Bonifica in den kühleren Monaten Mai, Juni, September oder Oktober zu genießen. Die ebene Strecke ist, was die Kondition in den Beinen angeht, zwar auch für ungeübte Radler geeignet. Die Sonne und die feuchte Hitze auf der fast komplett schattenlosen Strecke machen auch trainierten Radlern zu schaffen. Eine zusätzliche Herausforderung sind die immer wieder längs auf dem Radweg verlaufenden Trockenrisse. Die sind in diesen heißen Tagen besonders ausgeprägt und haben fieser Weise häufig genau Fahrradreifenbreite. Wer hier stecken bleibt, muss sich über den unfreiwilligen Abstieg über den Lenker keine Sorgen mehr machen.

Egal zu welcher Jahreszeit, ausreichend Trinken muss mit auf den Sentiero della Bonifica. Denn die unmittelbar am Rad- und Wanderweg gelegenen Einkehrmöglichkeiten beschränken sich auf eine Bar am Lago di Chiusi und zwei Raststationen für Radler, die auch Hilfe bei kleineren technischen Problemen am Rad anbieten. Eine der Raststationen ist im bereits erwähnten Informationszentrum am Lago di Montepulciano untergebracht, die andere befindet sich bei Frassineto wo der Sentiero della Bonifica di Strada Provinciale 23 kreuzt. Ein großer Vorteil des Rad- und Wanderwegs liegt darin, dass Start- und Endpunkt in Bahnhofsnähe liegen. Hin mit dem Rad und zurück mit der Bahn war besonders an bereits erwähntem heißen Augusttag eine willkommene Option, denn um die knapp 70 Kilometer auch wieder zurück zu fahren, wäre es definitiv zu heiß gewesen. Trotz ausreichend mitgenommer Isodrinks, die sich, obwohl aufgewärmt und eher an gekochte Gummibärchen als an eine kulinarische Erleuchtung erinnernd, schnell zum geschätzten Lieblingsgetränk mauserten.

Maren Rückens Reiseberichte interessant und gut geschrieben, wie immer.
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