Sentiero della Rocca Creusa: Wo die Felsen weich sind

Steil abfallende Sand- und Gipshänge und tiefe Schluchten: Die sogenannten Rocche bieten eine spektakuläre Kulisse für Rad- und Wandertouren. Zu jeder Jahreszeit und bei fast jedem Wetter. Das Gebiet mit den weichen Felsnadeln gehört zum Roero, der wenig bekannten Nachbarregion der Langhe. Entstanden vor rund 20 Millionen Jahren durch eine geologische Auffaltung.

Der Sentiero della Rocca Creusa ist als Wanderweg familientauglich, mit dem Mountainbike kann er durchaus eine Herausforderung sein. Besonders, wenn Regen den unbefestigten Untergrund aufgeweicht hat. Für Wanderer wie für Mountainbiker ist er ein Stück faszinierende Natur vor einer spektakulären Felsenkulisse. In einer Gegend des Piemont – dem Roero– in dem ein Urmeer seine sandigen Spuren hinterlassen und in der der Fluss Tanaro vor rund 250.000 Jahren tiefe Täler in den weichen Untergrund gegraben hat.

Ich treffe mich mit Roberta Gatti in Pocapaglia. Eine steile Straße führt am Schloss vorbei ins Zentrum der etwas über 3.000 Einwohner großen Gemeinde. Hier startet der 4 Kilometer lange Rundweg„Sentiero della Rocca Creusa“, den mir die Fremden- und Naturführerin heute zeigen möchte. Trotz Regenwetters geht es in Richtung der beeindruckend steilen Felswände, die senkrecht bis ins Tal abfallen. Auf Kieswegen und Trampelpfaden wollen wir dort hinunter. Als wir vom zentralen Platz des Ortes aus, am Schloss vorbei, loslaufen, erzählt Roberta eine örtliche Legende: Die Bauern in Pocapaglia sollen ihren Hühnern früher Beutel unter die Hinterteile gebunden haben, damit die frisch gelegten Eier nicht die steilen Straßen hinunterkullern.

Eine Mischung aus aufreißendem Morgennebel und kurzen Regengüssen sorgt für eine fast mystische Stimmung, während wir auf einem Felsgrat unterwegs sind. Rechts von uns tut sich, jenseits eines Tales, ein Blick auf das „Amphitheater des Eremitenfelsens“ auf. So genannt, weil dort zwischen den beiden Weltkriegen in einer Felshöhle ein Einsiedler aus Pocapaglia hauste. Italo Calvino hat ihn, unter dem Titel „La Barba del Conte – Der Bart des Grafen“ in  einer seiner Fabeln verewigt. „Verantwortlich für die steilen, lehmig weichen Felsen dieses im Inneren des Roero gelegen Landstrichs sind ein Urmeer und der Fluss Tanaro“, erklärt mir Roberta. Sedimentablagerungen aus besagtem Urmeer haben den Sand, zahlreiche Versteinerungen und Muschelreste gebracht. Der Tanaro hat die Täler in die weiche Erde gegraben und so die steilen Felswände geschaffen. Das war während der letzten Eiszeit, als der Tanaro dort floss, wo heute der Wanderweg durchführt. Erdverwerfungen und eine damit verbundene Änderung des Landschaftsgefälles haben dazu geführt, dass der Tanaro seine Fließrichtung umgekehrt und sich ein neues Flussbett gesucht hat. Heute mündet er bei Bassignana in den Po und trennt den Roero von der Langhe. 

Wir gehen weiter: Vorbei an einem Weinberg mit einem der typischen Häuser für die Gerätschaften zur Weinbergbewirtschaftung – im piemonteser Dialekt Ciabòt genannt -, durch einen Wald bis ins Tal. An einem kleinen Teich werden Gänse gehalten. Früher sei hier eine Kastanienplantage gewesen, erklärt mir Roberta. Ein typischer Baum für den Roero.

Für ein kurzes Stück führt der Weg über eine asphaltierte Straße bevor ein einer leichten Steigung, auf sandigem Untergrund, aufwärts geht. Oben angekommen, zeugen Votivtafeln vom Volksglauben. „Die Votivtafeln wurden dort errichtet, wo die Menschen böse Geister und Hexen vermuteten“, erklärt Roberta. Und fügt hinzu, es gäbe einen weiteren Rundweg: Einer Frau gewidmet, die einst in der Gegend lebte und als Hexe verbrannt wurde. Dieser, „Sentiero della Masca Micilina“ genannte, Rundweg ist 4,5 Kilometer lang, kreuzt den „Sentiero della Rocca Creusa“ und kann mit diesem zu einer längeren Wanderung kombiniert werden. Wir bleiben wegen des regnerischen Wetters bei der kürzeren Variante. Bevor es zurück ins Zentrum von Pocapaglia geht, führt uns der Weg ganz dicht an einem der Felsen vorbei. Ich kann es nicht lassen und überzeuge mich selbst, wie weich das sandige Gestein ist: Mit bloßen Fingern lassen sich Rillen in die Felswand kratzen.

Karte der Wanderwege über Ecomuseo delle Roche del Roero. Alle Wege sind beschildert, Audio und Video Guide in Italienisch und Englisch verfügbar, Wanderungen mit Führer möglich. www.ecomuseodellerocche.it

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