Senigallia: Sterne, Meer und mehr

Über 13 Kilometer Sandstrand, der flach ins klare adriatische Meer abfällt, Strandbäder mit dem typisch quirligen, italienischen Strandleben, Kultur und Kulinarik auf hohem Niveau und eine nette Altstadt, die mit dem Rad bequem zu entdecken ist. Die in den Markengelegene Strandstadt Senigallia bietet Urlaubsfeeling mit Mehrwert.

Senigallia ist die einzige Stadt in Italien, in der es – nur zwei Kilometer voneinander entfernt – gleich zwei Restaurants mit jeweils zwei Michelin-Sternen gibt“. Bürgermeister Maurizio Mangialardi ist stolz auf seine Stadt. Darauf, dass Senigallia den Weg weg vom reinen Badeort, hin zu einem Urlaubsort mit Mehrwert geschafft habe. Darauf, dass die Önogastronomie dazu beigetragen habe, die Auslastung der Hotels über die reine Badesaison hinaus zu verlängern oder darauf, dass Obama und Putin sich mit einem Roséwein aus Senigallia zugeprostet hätten.

Ob sich Obama und Putin wirklich mit einem Rosé aus Senigallia zugeprostet haben, lässt sich vom Urlaubsgast nur schwer nachprüfen, der Rest der Lobeshymne des italienischen Sindaco auf die eigene Stadt dagegen schon eher.

Die dicht an den Strand gebauten Hotels wirken etwas retro, denke ich als ich morgens um kurz nach sieben Uhr am Strand entlang spaziere. Charme haben sie trotzdem, muss ich zugeben. Und als Fotomotiv gefallen mir die nummerierten Badekabinen am Strand im Morgenlicht und die in Reih und Glied aufgestellten Schirme und Liegen, die um diese Uhrzeit alle unbesetzt sind. In Richtung Hafen laufe ich auf eines der Wahrzeichen Senigallias zu: die Rotonda a Mare. Ein auf Säulen im Meer stehender weißer Rundbau, über eine Brücke mit dem Ufer verbunden. Anfang der 30er Jahre erbaut, mit einer Blütezeit in den 50er und 60er Jahren, war die Rotonda ein „must“ für die Liebhaber des mondänen Strandlebens. Nach einem kurzen Bad im Meer geht es per Fahrrad in die Innenstadt. Im Palazzetto Baviera bewundere ich die reich verzierten Renaissance-Stuckdecken, deren Bilder die Geschichte der Menschheit erzählen. Dank geschickt aufgestellter Spiegel klappt das ohne, dass ich mir den Hals verrenken muss. Nebenan im Palazzo del Duca schaue ich mir die berühmten Schwarzweißfotografien von Robert Doisneau an. Bis Anfang September sind die Arbeiten des Wegbereiters der modernen Streetfotografie dort ausgestellt. Seit Mai 2017 schmückt sich Senigallia offiziell mit dem Titel Stadt der Fotografie. Leider hat das MUSINF (Städtisches Museo D’Arte, Dell’Informazione e Della Fotografia), das 250 Arbeiten eines der großen Fotografensöhne der Stadt – Mario Giacomelli – besitzt, ausgerechnet heute geschlossen. Eine neue Ausstellung wird aufgebaut, schließlich hat sich die Fotostadt Senigallia auf die Fahnen geschrieben, die künstlerische Fotografie voranzubringen und junge fotografische Talente anzulocken und zu fördern.

Ich wende mich die nächsten zwei Tage dem kulinarischen Senigallia zu. Und kann mich selbst nach ausgiebigem Testessen nicht entscheiden, wo es mir besser schmeckt. Bei Moreno Cedroniim Madonnina del Pescatore oder bei Mauro Uliassi im Uliassi. Beide Zwei-Sterne-Chefs beeindrucken mich mit ausgefeilten Gerichten aus Zutaten, die eigentlich ganz einfach sind, durch gekonnte Kombination und Zubereitung aber zu einem himmlischen Geschmackserlebnis werden bei dem auch das Auge mitisst. „Die Handschrift von due chef stellati“ eben.

Bevor mein Kurztrip nach Senigallia am nächsten Tag zu Ende geht, schaue ich noch bei Angelo Di Liberto vorbei. Er ist Ideengeber und Organisator des Summer Jamboree Festivals. Ein internationales Festival amerikanischer Musik und Kultur der 1940er und 1950er Jahre. Di Libertos Laden ist wie eine Zeitreise in diese Epoche: Voller Mode und Accessoires aus jener Zeit. Das Lager ist über eine original Flugzeugtreppe zu erreichen. „Je mehr ich über dies Zeit erfahren habe, desto besser habe ich verstanden, wie prägend sie für Mode, Design und vor allem  Musik war“, schwärmt Di Liberto und zählt auf, wen er schon alles zum Summer Jamboree nach Senigallia engagiert hatte: Chuck Berry oder Jerry Lee Lewis zum Beispiel. Rock’n’Roll auf über die ganze Stadt verteilten Bühnen und Oldtimer, die von passen gekleideten Menschen spazieren gefahren werden, passen sicherlich gut zum Retrocharme der Uferpromenade, denke ich und notiere mir den Termin für das nächste Summer Jamboree im Kalender.

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