Das Mailänder Ambaradan revolutioniert die Preise

Was ist das eigentlich für eine bizarre Idee, die Pizza zu verwenden, um auf einen gesellschaftlichen Missstand hinzuweisen. Und, geht das überhaupt? Anscheinend schon. 

Woran denkt man eigentlich, wenn man an Italien denkt? An Sonne und Meer, an wunderschöne Palazzi und Reste aus dem Altertum, an gutes Essen und gute Weine, an eine ansteckende Lebenslust und natürlich an Geschmack und Kreativität.

Und es sind besonders diese zwei Eigenschaften, die zu den prägenden Merkmalen des italienischen Volks zählen. Und so sind es auch Kreativität und Phantasie di Paolo Polli zu seinem Projekt animiert haben. Polli ist kein Grünling in der Restaurantbranche, seine fünf BQ Restaurants in Mailand und Turin genießen einen sehr guten Ruf. Außerdem ist Polli auch unter den Braumeistern und Bierkennern sehr geschätzt: ihm gehört das Bierlabel BQ. Früher befand sich die Brauerei in Mailand, dann verlegte man sie ins Veltlin Tal. Diese an die Schweiz grenzende Region ist auch wegen seiner Weine bekannt.

Aber zurück nach Mailand, der vor knapp zwei Monaten eröffneten Pizzeria „Ambaradan“, und was es mit dem schon angesprochenen Missstand auf sich hat.

In einem unlängst veröffentlichten Interview erklärte Polli selber: „Mit Ambaradan wollte ich in erster Linie den Kunden natürlich entgegenkommen. Aber eben nicht nur. Ich wollte auch die Kollegen hier in Mailand herausfordern“. Denn ‚Meritocrazia’, also die gerechte Be- oder Entlohnung für Fleiß und gute Arbeit, seien in Italien nicht immer selbstverständlich, erklärte er. Karriere mache man nicht zwingend nur, weil man das Zeug für etwas hat, andere Faktoren können manchmal genauso, wenn nicht sogar wichtiger sein. Pollis Herausforderung lautet also: „Was wäre, wenn nicht mehr das Lokal, sondern der Gast den Preis für das serviert bekommene Essen, bestimmt?“. Und um es nicht nur bei einer verbalen Herausforderung zu belassen, hat er diese Regel in seinem Ambaradan, das nicht weit von Mailands Chinatown () ist, eingeführt.

Zwar wird das Wort Ambaradan von der äthiopischen Stadt Amba Aradam abgeleitet, die 1936 Opfer eines verheerenden Angriffs seitens der Italiener wurde, steht aber seit eh und je für Chaos, Durcheinander. Und zu einer lebhaften Auseinandersetzung kann es in der Tat nach dem Essen kommen. Nach dem Abservieren bekommt jeder Tisch eine kleine Schiefertafel und ein Stück Kreide. Die Tafelrunde muss sich nun auf eine Bewertung einigen: M steht für „migliorabile“ (kann man besser hinkriegen, also mangelhaft), B für „buono“ (gut) und O für „ottimo“ (ausgezeichnet). Und je nach Bewertung kostet die Pizza 6, 7 oder 8 Euro. Dasselbe Prozedere gilt auch für andere Speisen und für das Bier. Und was über dem Basispreis herausspringt, bekommt das Personal als eine Art Trinkgeld.

Andere Restaurants und Pizzerie habe die Idee noch nicht für sich entdeckt, dafür läuft es umso besser fürs Ambaradan. Und wer am Wochenende hin will, der sollte auf jeden Fall reservieren (Via Castelvetro 20, U-Bahn Haltestelle Gerusalemme, Tel. 02 3451701).

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