Wandern auf den Spuren des Ersten Weltkriegs

Der Monte Grappa, dessen Name nichts mit dem gleichnamigen Hochprozentigen zu tun hat, ist ein Berg zu dem die Italiener ein ganz besonderes Verhältnis haben. Im Ersten Weltkrieg war er die letzte Verteidigungslinie der Italiener gegen die österreichisch-ungarische Armee. Tausende Soldaten fanden an den Berghängen den Tod. Heute ist der 1775m hohe Berg nicht nur Teil einer der knackigsten Etappen des Giro d’Italia – 24 Kilometer Aufstieg, fast ohne ebene Abschnitte mit einer durchschnittlichen Steigung von 5,3% und einer Maximalsteigung von 11,2% – sondern auch ein Freilichtmuseum in Sachen Kriegsgeschichte.

„Bis zum Ersten Weltkrieg war der Monte Grappa ein friedlicher Berg“, erzählt Gianni Bellò, Oberst a. D. der Alpini genannten italienischen Gebirgsjäger. Es ist ein lauer Frühsommertag. Und selbst auf dem 1775 Meter hohen, im gleichnamigen Gebirgsmassiv in der italienischen Provinz Venezien gelegenen, Monte Grappa herrscht T-Shirt-Temperatur. Vögel zwitschern, die Alpenglockenblumen blühen in kräftigem Blau. Kurz: Ein Tag, an dem es schwer fällt, sich vorzustellen, dass in genau diesem Gebirgsmassiv in den Kriegsjahren 1917/18 ein erbitterter Stellungskrieg, vornehmlich zwischen den italienischen und österreich-ungarischen Truppen, aber auch zwischen den mit dem Vielvölkerstaat verbündeten Truppen des Deutschen Kaiserreichs, tobte. Ein Stellungskrieg, der sich Großteiles im Winter abspielte, in dem die Soldaten nicht nur mit dem Feind, sondern auch mit Kälte, Schnee und Nebel zu kämpfen hatten.

Ich wandere mit dem Oberst durch Teile der ehemaligen Schützengräben. Ein Freilichtmuseum in Sachen Geschichte Erster Weltkrieg, in dem es viel zu sehen gibt. Von besagten Schützengräben, über in den Fels gehauenen Galerien, in den Berg gegrabenen Schutzräumen vor Gasangriffen, zu deren Erkundung eine Taschenlampe hilfreich ist, bis hin zu ehemaligen Geschützstellungen. Teilweise stehen dort noch originale Kanonen, wie beim Casara Andreon, der ehemaligen Kommandozentrale der 38. Italienischen Artillerieeinheit. Die einstigen Schützengräben, Truppenunterstände, Material- und Munitionslager rund um das Casara Andreon sind Teil eines 25 Kilometer langen Wanderwegs, der im Valle Santa Felicita bei Romano d’Ezzelino beginnt und aufgeteilt in zwanzig Abschnitte bis zum Gipfel des Monte Grappa führt.

„Casara Andreon und Col Campeggia, der Teil des Wanderwegs, der bei Camposolagna beginnt, sind die interessantesten“, erzählt Oberst Bellò. Dort gäbe es am meisten zu sehen. Col Campeggia sei der Sitz des taktischen Kommandos des 9. Armeekorpses gewesen und habe, auf 1100 Metern Höhe an den letzten Ausläufern im Südwesten des Gebirgsmassivs gelegen, logistisch gesehen eine besondere Rolle gespielt. Zukünftig soll der Wanderweg noch über den Gipfel des Monte Grappa hinaus bis zum Monte Tomba ausgebaut werden. Dorthin, wo von November 1917 bis Januar 1918 auch der später als Wüstenfuchs bekannt gewordene Erwin Rommel kämpfte. Für die Instandsetzung der Relikte aus dem Ersten Weltkrieg entlang des Wanderwegs am Monte Grappa ist die „Musei all’Aperto 1915/18“ Grande Guerra sul Monte Grappa zuständig. Eine Vereinigung verschiedener Organisationen, die auf ehrenamtlicher Basis tätig ist. Auch Oberst Gianni Bellò ist dort engagiert. Bis 1916 sei der Monte Grappa ein Berg der Viehhirten gewesen, auf dem es nur Maultier- oder schmale Karrenpfade gegeben habe, erzählt er, während wir uns, dieses Mal im Auto, dem Kriegerdenkmal auf dem Gipfel des Monte Grappa nähern. Einem Denkmal, das 1935 zu Ehren der im ersten Weltkrieg auf dem Monte Grappa Gefallenen eingeweiht wurden. Und in dem die Gebeine von über 12.500 italienischen sowie über 10.000 österreich-ungarischen Soldaten ruhen. Die meisten davon unbekannt.

Die Straßen auf den Monte Grappa, erzählt der Oberst weiter, seinen erst 1916/17 auf Anordnung des italienischen Generals Luigi Cadorna gebaut worden. In Vorbereitung eines Verteidigungskrieges auf dem Monte Grappa. Falls die Isonzo-Front durchbrochen werden sollte, sollte dort der Vormarsch der feindlichen Truppen in die oberitalienische Tiefebene hinein verhindert werden. Eine der damals erbauten Straßen, ist nach General Cadorna benannt und führt vom Gipfel des Monte Grappa über Romano d’Ezzelino bis nach Bassano del Grappa. Eine 43.000 Einwohner Stadt, am Fluss Brenta gelegen, die ihren Namen dem gleichnamigen Berg verdankt und nicht etwa dem weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Grappa, der in zahlreichen Destillerien in und um Bassano hergestellt wird. Zu den bekanntesten zählt Nardini, gleich neben der „Ponte degli Alpini“ genannten Brücke, dem Wahrzeichen der Stadt. 1156 erstmals urkundlich erwähnt, mehrfach durch Menschenhand oder starke Hochwasser zerstört und wieder aufgebaut, ist die Holzbrücke Anziehungspunkt für Einheimische wie Touristen. Der „aperitivo da Nardini al Ponte Vecchio“, ein etwas an Campari erinnernder Aperitif, der von der gleichnamigen Destillerie als sogenannter „Rosso“ angeboten wird und dessen Rezept geheim bleibt, gehört für diese wie jene quasi zum Pflichtprogramm. Und nicht selten kann man dort ganze Hochzeitsgesellschaften antreffen, die gemeinsam mit dem Brautpaar auf deren Zukunft anstoßen. In ihrer heutigen Form entspricht die Brücke einem Entwurf des berühmten Architekten Andrea Palladio von 1569, gemäß dessen Zeichnung die Brücke nach jeder Zerstörung wieder aufgebaut wurde. Momentan versteckt die Brücke ihre wahre Schönheit allerdings hinter Baugittern. Der steinerne Bodenbelag ist Holzbrettern gewichen und unten im Wasser der Brenta wurde eine Zufahrt für LKWs aufgeschüttet. Unter anderem sind es die teilweise morschen Holzpfeiler, die aufwändige Sanierungsmaßnahmen möglich machen. „Die Arbeiten werden noch an die zwei Jahre dauern“, erklärt Sindaco Riccardo Poletto, der Bürgermeister von Bassano. Dann soll das Wahrzeichen der Stadt wieder sicher und in altbekannter Schönheit erstrahlen.

Bassano del Grappa bietet für Kultur- wie für Sportfans ein vielfältiges Angebot. Für die einen beispielsweise einen Besuch im in einem ehemaligen Franziskanerkloster untergebrachten Stadtmuseum, das zu den ältesten in der Region zählt und unter anderem mit einer umfangreichen Gemäldesammlung von Jacopo Da Ponte aufwartet oder im, am Stadt auswärts gelegenen Ende der Ponte beheimateten, Museo degli Alpini. Für die anderen beispielsweis Rafting auf der Brenta oder Gleitschirmfliegen am Monte Grappa, der auf Grund seiner besonderen Thermik unter den Fachleuten zu den besten Fluggebieten Europas zählt, weil die aus der venezianischen Tiefebene kommende warme Luft am Berg aufsteigt. Ein thermisches Phänomen, das den Monte Grappa auch zu einem Berg des Nebels macht. Die seien im Vergleich zu vor hundert Jahren, als der Monte Grappa heiß umkämpft war, zwar weniger geworden, erklärt Oberst Gianni Bellò auf der Wanderung durch die ehemaligen Schützengräben, könne aber für ortsunkundige Wanderer, die die Hand vor den Augen nicht mehr sehen, nach wie vor zur Gefahr werden und hätten damals in zahlreichen Kämpfen zu folgenreichen Irrtümern geführt.

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