Knolle mit Goldwert

Auf der internationalen Messe für Weiße Alba-Trüffeln steht der Bankomat gleich mitten drin. Sicherlich keine schlechte Idee bei den Trüffelpreisen, die sich wegen des trockenen, italienischen Sommers im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt haben. Für 650 Euro pro hundert Gramm wurde die Weiße Alba-Trüffel, die Tuber Magnatum Pico, Mitte November, auf der weltweit größten Messe für Weiße Alba-Trüffeln gehandelt. Diese findet traditionell von Anfang Oktober bis Ende November jeweils am Wochenende statt. Direkt im historischen Altstadtkern von Alba.

Der unverkennbare Geruch der Trüffeln, etwas an Knoblauch erinnernd, hat sich wie eine Duftwolke im großen Messezelt verteilt. Kaum den Fuß über die Schwelle gesetzt, kriecht er schon in die Nasen der Besucher. Und da sind sie, die schwarzen und weißen Trüffeln aus der Gegend um Alba. Und vor allem: Die Weiße Alba-Trüffel. Ein wild wachsender Pilz, der nur in Symbiose mit bestimmten Strauch- und Baumarten gedeiht. Bis heute gibt es keine Techniken, um die Weiße Alba-Trüffel zu kultivieren. Sie hat eine knollige, häufig auch abgeflachte, unregelmäßige Form und eine glatte, hellgelbe Membran. Ihr Fruchtfleisch ist von zahlreichen weißen, stark verzweigten Maserungen durchzogen und variiert in der Farbe von milchweiß, über intensiv rosa bis braun. Vom 21. September bis 31. Januar darf der Weiße Alba-Trüffel gesammelt werden.

Auf Baumwolltüchern in Kühlvitrinen, fein säuberlich ausgelegt, bieten die Trüffelsucher ihre Kostbarkeiten den potentiellen Käufern an. „Wenn Sie eine Trüffel kaufen wollen, riechen Sie daran!“, rät Giovanni De Castelli den Messebesuchern. „Eine frische Trüffel hat auch einen frischen Geruch, eine Mischung aus Wald, Nuss, Trüffel und Knoblauch“. De Castelli muss es wissen. Jede Trüffel, die auf der Messe verkauft wird, muss vorher an seiner Nase, oder an der seiner Kollegen, vorbei. De Castelli ist Mitglied der Qualitätskommission der Trüffelmesse. Die Kommission thront, leicht erhöht, zwischen den Ständen der Trüffelsucher. Genau in der Mitte des Messezelts. Bevor die Trüffelmesse für die Besucher ihre Pforten öffnet, prüfen die Kommissionsmitglieder jede einzelne Trüffel, die die Trüffelsucher verkaufen möchten, akribisch. „Entspricht eine Trüffel nicht unseren Kriterien, wird sie eingezogen“, da lassen De Castelli und seine Kollegen nicht mit sich handeln.

„Die beste Methode eine Trüffel aufzubewahren, ist sie zu essen und sich die Erinnerung an den Geschmack zu erhalten“, antwortet De Giovanni scherzhaft auf die Frage, wie die kostbaren Trüffeln richtig aufzubewahren sind. Trotz der Scherze ist die Arbeit der Qualitätskommission eine ernste Sache. Schließlich geht es beim Trüffelkauf und viel Geld und um viel Vertrauen. Während der Messe steht die Qualitätskommission den Besuchern daher den ganzen Tag zur Verfügung. Prüft auf Wunsch die auf der Messe erworbenen Trüffeln nochmals nach und sorgt dafür– sollten die Käufer doch einmal minderwertige Trüffeln erworben haben – dass diese umgetauscht werden, oder die Kunden ihr Geld zurückbekommen.

Dass die um Alba herum wachsenden Trüffeln unter dem Namen Weiße Alba-Trüffeln Weltruhm erlangten und dass die Trüffelmesse jeden Herbst Gourmets aus aller Herren Länder ins Piemont nach Alba lockt, ist untrennbar mit Giacomo Morra verbunden. Der Hotelier, Koch und Trüffelliebhaber rief 1929 die Trüffelmesse ins Leben und hatte 1949 die werbewirksame Idee, der Hollywood-Schauspielerin Rita Hayworth die beste Weiße Alba-Trüffel des Jahres zu schenken. Alba war in der internationalen Presse. Die Tradition, eine Premiumtrüffel zu verschenken, wurde beibehalten. Die Trüffelmesse wurde zusehends weltweit ein Begriff. Verknüpft mit berühmten Namen wie Harry Truman, Marylin Monroe, Winston Churchill. 2016 ging die Trüffel des Jahres an die Paralympics-Gewinnerin Beatrice Vio.

„Ich nehme den Trüffelgeruch gar nicht mehr wahr“, bekennt Alessandro Bonino. So geht es wohl, wenn man tagaus tagein mit Trüffeln umgeht. Bonino ist bei Tartufi Morra fürs Marketing verantwortlich. Der Laden für Trüffeln und Trüffelprodukte wurde 1930 von Messeinitiator Giacomo Morra gegründet. Und hat sich, wie die Trüffelmesse selbst, bis heute gehalten. Vom Laden aus geht es eine Treppe hinunter ins Allerheiligste. Dort, wo die normalen Käufer nicht hinkommen. Alessandro Bonino holt vorsichtig mehrere Holzkisten aus dem Kühlhaus. In einer davon liegt eine wahre Prachttrüffel. 534 Gramm, wie die Waage beweist. „Das ist ein echtes Prachtexemplar“ muss selbst Bonino zugeben. Besonders in diesem Jahr, in dem im Sommer der Regen ausblieb und jetzt im Herbst die Trüffel darum selten sind. Das macht die bei Gourmets so begehrte Knolle noch teurer. Wo das Angebot bereits in guten Trüffeljahren geringer ist als die Nachfrage, wird eine Angebotsverknappung gleich im Geldbeutel spürbar. Über 6.000 Euro müsste die 534 Gramm schwere Prachttrüffel einbringen, schätzt Alessandro Bonino. Wer so etwas kauft? Restaurants oder jemand, der ein besonders wichtiges Essen ausrichten wolle, lautet die Antwort Boninos

Alba isst Trüffel und Alba ist mehr als nur Trüffel essen. Die Stadt verknüpft mit der prestigeträchtigen Knolle zahlreiche nachhaltige Aktivitäten. Das offizielle Messeplakat zeigt einen von Ben van Berkel/UNStudio für Alessi designten Trüffelhobel. Das Ergebnis eines über zweijährigen Projektes unter dem Namen „De Truffle“, in dem internationale Designer dazu aufgefordert waren, das mit dem Servieren und Verkosten des Weißen Alba-Trüffels verbunden Ritual als theatralische Inszenierung zu interpretieren und dabei Objekte zur Präsentation, zum Hobeln und zur Aufbewahrung der Trüffeln zu gestalten.

Im nächsten Jahr wird Alba gemeinsam mit rund 50 weiteren italienischen Trüffelstädten bei der UNESCO in Paris um die Aufnahme in die Liste des Immateriellen Kulturerbes kandidieren. Dadurch soll, laut des in Alba ansässigen Nationalen Zentrums für Trüffelstudien, dazu beigetragen werden, Traditionen zu erhalten, die über das reine Produkt Trüffel hinausgehen. Darunter die Ausbildung der Trüffelsuchhunde, die Trüffelsuche, die Aufbewahrung der frischen Trüffeln und deren gastronomische Verwendung. Die Aufnahme Albas in die UNESCO Liste der Kreativen Städte im Bereich Gastronomie ist seit dem 31. Oktober bereits amtlich. Mit der Ernennung zur kreativen Stadt geht die Mitgliedschaft in einem internationalen Netzwerk von Exzellenz-Zentren in den Bereichen Film, Musik, Design, Gastronomie, Medienkunst, Handwerk oder Literatur einher sowie die Verpflichtung zu internationalen Kooperationen und die Möglichkeit daraus Vorteile für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu ziehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.