Caorle: Strandurlaub mit Kontrastprogramm

Zugegeben etwas Vorurteile hatte ich schon, bevor ich nach Caorle fuhr. Meine Erwartung: Typischer Adriabadeort mit Wurzeln in den sechziger Jahren; Hotels bis an den Strand gebaut; Liegestuhl an Liegestuhl gereiht, besetzt von eingeölten Sonnenanbetern. Meine Erfahrung: Es gibt sie zwar diese Strände, es gibt aber auch das Kontrastprogramm in einem der typischenLagunengebiete Veneziens und es macht Spaß, Caorle und seine Umgebung zu entdecken.

Naturbelassener Sandstrand oder doch lieber Liegestuhl und Sonnenschirm fußläufig zum Hotelzimmer? Der Adriabadeort Caorle bietet Strandurlaub im Veneto für jeden Geschmack. Und eine historische Innenstadt, die in den späten Abendstunden so richtig auflebt.

Mein Hotel liegt am Weststrand. Nur eine schmale, Fußgängern vorbehaltene, Uferpromenade trennt es vom Meer. Morgens um kurz nach Sieben ist der Strand fast menschenleer. Auf dem Weg in Richtung Klippen, zur Wallfahrtskirche Madonna dell’Angelo, überholt mich ein Jogger, während ich einen Mann beobachte, der in einer Geschwindigkeit Seil springt, die ich ihm altersmäßig gar nicht zugetraut hätte. Die junge Frau in Yogaposition scheint – den Blick aufs Meer gerichtet – in einer anderen Welt. Die Klippen, an deren Ende die Wallfahrtskirche liegt und die den West- vom Oststrand trennen, sind ein von der Morgensonne angestrahltes Freilichtmuseum. Eine schreiende Fratze ist ebenso in Stein gemeißelt wie Neptun oder ein ertrinkendes Kind, das die Hand nach den Rettern ausstreckt. „Scoglieraviva, die lebende Klippe, ist ein Kunstprojekt der Stadt Caorle, zur Verschönerung der Klippen“, erklärt mit Annalisa Greco vom Tourismusbüro. Alle zwei Jahre im Juni kämen im Rahmen eines mehrtägigen Wettbewerbs neue Skulpturen internationaler Künstler dazu.

Während immer mehr Sonnenanbeter die Liegestühle vor den Hotels fluten, mache ich mich mit Annalisa zusammen auf den Weg nach Valle Vecchia. Die vor der Lagune von Caorle gelegene Insel ist Luftlinie – nur durch einen Kanal getrennt – zwar keine fünf Kilometer von der Stadt entfern; weil wir mit dem Auto unterwegs sind, müssen wir allerdings gut 40 Kilometer um die Lagune herum, in Richtung Brussa fahren.  Auf Valle Vecchia gibt es einen landwirtschaftlichen Versuchsbetrieb der Region Veneto, rund sechs Kilometer naturbelassenen Sandstrand, Pinienwald, Dünen und jede Menge Lagunenland. „Für Zugvögel ist diese Naturoase ein willkommener Rastpunkt“, erzählt mir Francesco Fagotto, der Leiter des landwirtschaftlichen Versuchsbetriebs und führt mich, nach einem Zwischenstopp auf einem Vogelbeobachtungsturm, in Richtung Strand. Wer hier baden möchte, muss sein Auto auf dem großen Parkplatz abstellen und was er für einen Strandtag braucht, zu Fuß durch den Pinienwald tragen.  „Ende der 60er Jahre hat die Region Veneto hier eine der letzten Trockenlegungen durchgeführt, seitdem wird Valle Vecchia landwirtschaftlich genutzt“, erzählt Francesco Fagotto aus der Geschichte dieser Insel. Und berichtet, während wir durch den Pinienwald laufen, von einem 40 jährigen Projekt, das den Pinienwald in einen Mischwald umwandeln soll. Zehn Jahre davon sind schon um und die ersten Steinchen und Eschen bereits zu Bäumen gewachsen.

 

„Früher hatte Caorle sogar seine eigene Werft und zahlreiche Kanäle, ganz wie Venedig. Heute weisen nur noch Straßennamen wie Rio Terrà darauf hin, dass wir hier auf eine zugeschütteten Kanal laufen “, Annalisa zeigt mir abends die historische Innenstadt. Bunt gestrichene Häuser erinnern an die Zeit bevor Ende der 1960er die Touristen kamen und Caorle noch ausschließlich vom Fischfang lebte. Der Dom ist das älteste Gebäude der Stadt und soll aus dem Jahr 1038 stammen. Der Glockenturm steht mit etwas Abstand vom Dom entfernt: Früher auch als Leuchtturm genutzt, 48 Meter hoch, 25 Zentimeter schief. „Das liegt am sumpfigen Untergrund“ erklärt mit Annalisa. Dann machen wir uns auf zum Einkaufsbummel. Je später es wird, desto mehr füllen sich die Straßen und die Straßencafés. Was sich tagsüber an trubeligem Urlaubsleben am Strand vor den Hotels abgespielt hat, verlagert sich abends in die Stadt. Die Geschäfte haben bis 23 Uhr geöffnet. Genug Zeit, sich mit einer neuen Urlaubsgarderobe auszustatten, bevor wir den Tag mit einem Aperol-Spritz in einer der zahlreichen Bars ausklingen lassen.

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